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Der Anlaufstrom bezeichnet in der Industrie und Elektrotechnik den kurzzeitig auftretenden, deutlich erhöhten Strom, der beim Einschalten elektrischer Maschinen oder Geräte fließt. Dieser Effekt entsteht durch die physikalischen Eigenschaften induktiver und kapazitiver Lasten, die im Moment des Anlaufs einen höheren Energiebedarf aufweisen als im Dauerbetrieb. Der Anlaufstrom kann ein Vielfaches des Nennstroms betragen und stellt sowohl für die Energieversorgung als auch für die betroffenen Komponenten eine besondere Belastung dar.

Allgemeine Beschreibung

Der Anlaufstrom ist ein transienter Stromstoß, der unmittelbar nach dem Schließen eines Stromkreises auftritt. Er resultiert aus der Notwendigkeit, magnetische Felder in induktiven Lasten wie Elektromotoren oder Transformatoren aufzubauen oder kapazitive Lasten wie Kondensatoren zu laden. Im Gegensatz zum Nennstrom, der den dauerhaften Betriebsstrom einer Maschine beschreibt, tritt der Anlaufstrom nur für einen kurzen Zeitraum auf, der typischerweise zwischen einigen Millisekunden und mehreren Sekunden liegt. Die Höhe des Anlaufstroms hängt von der Art der Last, der Bauweise der Maschine und den elektrischen Eigenschaften des Netzes ab.

In der Praxis wird der Anlaufstrom oft als kritischer Parameter betrachtet, da er die Dimensionierung von Schutzorganen wie Sicherungen, Leistungsschaltern und Kabelquerschnitten beeinflusst. Ein zu hoher Anlaufstrom kann zu Spannungseinbrüchen im Netz führen, die andere Verbraucher beeinträchtigen, oder sogar zu thermischen Überlastungen in den Leitungen und Wicklungen der Maschinen. Daher sind Maßnahmen zur Begrenzung des Anlaufstroms in vielen industriellen Anwendungen unerlässlich, um die Betriebssicherheit und Lebensdauer der Anlagen zu gewährleisten.

Technische Grundlagen

Der Anlaufstrom entsteht durch die physikalischen Prinzipien der Induktion und Kapazität. Bei Elektromotoren, insbesondere Asynchronmotoren, ist der Anlaufstrom besonders ausgeprägt, da der Rotor im Stillstand zunächst kein eigenes Magnetfeld erzeugt. Der Stator muss daher ein starkes Drehfeld aufbauen, um den Rotor in Bewegung zu setzen. Dieser Prozess erfordert einen hohen Strom, der erst mit zunehmender Drehzahl des Rotors abnimmt. Gemäß dem Ohmschen Gesetz und den Gesetzen der elektromagnetischen Induktion ist der Anlaufstrom umso höher, je größer die Induktivität der Wicklungen und je geringer der ohmsche Widerstand des Stromkreises ist.

Bei Transformatoren tritt ein ähnlicher Effekt auf, da der magnetische Fluss im Eisenkern beim Einschalten zunächst aufgebaut werden muss. Dieser Vorgang führt zu einem kurzzeitigen Stromstoß, der als Einschaltstrom oder Magnetisierungsstrom bezeichnet wird. Auch hier kann der Anlaufstrom ein Vielfaches des Nennstroms betragen, insbesondere wenn der Transformator im ungünstigsten Moment des Wechselstroms eingeschaltet wird. In kapazitiven Lasten wie Kondensatorbatterien oder Filtern entsteht der Anlaufstrom durch die plötzliche Aufladung der Kondensatoren, die im ersten Moment wie ein Kurzschluss wirken.

Normen und Standards

Die Behandlung des Anlaufstroms ist in verschiedenen nationalen und internationalen Normen geregelt. Die DIN EN 60034-1 (VDE 0530-1) definiert beispielsweise die Anforderungen an rotierende elektrische Maschinen und legt fest, wie der Anlaufstrom bei Elektromotoren zu berücksichtigen ist. Für Leistungsschalter und Sicherungen sind die Normen DIN EN 60947-2 (VDE 0660-101) und DIN EN 60269-1 (VDE 0636-1) relevant, die die Auslegung von Schutzorganen unter Berücksichtigung des Anlaufstroms beschreiben. Darüber hinaus gibt die DIN VDE 0100-430 Vorgaben für die Auswahl und Errichtung von Kabeln und Leitungen, um thermische Überlastungen durch Anlaufströme zu vermeiden.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

Der Anlaufstrom wird häufig mit anderen Stromphänomenen verwechselt, die jedoch unterschiedliche Ursachen und Auswirkungen haben. Der Kurzschlussstrom entsteht durch einen Fehler im Stromkreis, beispielsweise einen Isolationsdefekt, und kann ebenfalls sehr hohe Werte annehmen. Im Gegensatz zum Anlaufstrom ist der Kurzschlussstrom jedoch ein unkontrollierter Stromfluss, der zu schweren Schäden führen kann und daher sofort unterbrochen werden muss. Der Betriebsstrom hingegen bezeichnet den dauerhaften Strom, der im normalen Betrieb einer Maschine fließt, und liegt deutlich unter dem Anlaufstrom.

Ein weiterer verwandter Begriff ist der Einschaltstrom, der speziell den Stromstoß beim Einschalten von Geräten beschreibt. Während der Anlaufstrom sich auf den Stromstoß beim Starten von Maschinen bezieht, kann der Einschaltstrom auch bei anderen Verbrauchern wie Glühlampen oder elektronischen Geräten auftreten. Beide Begriffe werden jedoch oft synonym verwendet, insbesondere in der Praxis der Elektrotechnik.

Anwendungsbereiche

  • Elektromotoren: Der Anlaufstrom ist besonders bei Asynchronmotoren relevant, da diese im Stillstand einen hohen Strom benötigen, um das Drehfeld aufzubauen. In der Industrie werden daher häufig Anlaufverfahren wie der Stern-Dreieck-Anlauf oder der Sanftanlauf eingesetzt, um den Anlaufstrom zu begrenzen und die mechanische Belastung der Maschine zu reduzieren.
  • Transformatoren: Beim Einschalten von Transformatoren kann der Anlaufstrom zu Spannungseinbrüchen im Netz führen, die andere Verbraucher beeinträchtigen. Daher werden Transformatoren oft mit Vorwiderständen oder speziellen Schaltungen ausgestattet, um den Einschaltstrom zu reduzieren.
  • Kondensatorbatterien: In Anlagen zur Blindleistungskompensation treten beim Zuschalten von Kondensatorbatterien hohe Anlaufströme auf, die durch Vorschaltwiderstände oder spezielle Schaltgeräte begrenzt werden müssen, um Schäden an den Kondensatoren und dem Netz zu vermeiden.
  • Beleuchtungsanlagen: Bei großen Beleuchtungsanlagen, insbesondere mit Leuchtstofflampen oder LED-Treibern, kann der Anlaufstrom zu Spannungseinbrüchen führen. Daher werden solche Anlagen oft mit Sanftanlaufgeräten ausgestattet, um die Lebensdauer der Lampen zu verlängern und Netzstörungen zu vermeiden.
  • Industrielle Maschinen: In der Fertigungstechnik, beispielsweise bei Pressen, Pumpen oder Förderbändern, ist der Anlaufstrom ein kritischer Faktor, da er die Dimensionierung der elektrischen Infrastruktur beeinflusst. Hier kommen häufig Frequenzumrichter zum Einsatz, die den Anlaufstrom durch eine kontrollierte Beschleunigung der Maschine reduzieren.

Bekannte Beispiele

  • Asynchronmotor mit Stern-Dreieck-Anlauf: Ein klassisches Beispiel für die Begrenzung des Anlaufstroms ist der Stern-Dreieck-Anlauf bei Drehstrommotoren. Dabei wird der Motor zunächst in Sternschaltung gestartet, wodurch der Anlaufstrom auf etwa ein Drittel des Wertes in Dreieckschaltung reduziert wird. Sobald der Motor eine bestimmte Drehzahl erreicht hat, wird auf Dreieckschaltung umgeschaltet, um den vollen Nennstrom zu ermöglichen.
  • Sanftanlaufgeräte: Moderne Sanftanlaufgeräte, auch Softstarter genannt, begrenzen den Anlaufstrom durch eine schrittweise Erhöhung der Spannung. Diese Geräte werden häufig in der Industrie eingesetzt, um mechanische Belastungen zu reduzieren und die Lebensdauer der Maschinen zu verlängern. Ein bekanntes Beispiel ist der Einsatz von Sanftanlaufgeräten in Pumpensystemen, um Druckstöße in den Rohrleitungen zu vermeiden.
  • Frequenzumrichter: Frequenzumrichter ermöglichen eine stufenlose Regelung der Drehzahl von Elektromotoren und reduzieren den Anlaufstrom durch eine kontrollierte Beschleunigung. Sie werden beispielsweise in Lüftungsanlagen oder Förderbändern eingesetzt, um den Energieverbrauch zu optimieren und die mechanische Belastung der Anlagen zu minimieren.
  • Transformatoren mit Vorwiderständen: In Umspannwerken werden Transformatoren oft mit Vorwiderständen ausgestattet, um den Einschaltstrom zu begrenzen. Diese Widerstände werden nach dem Anlauf überbrückt, um den normalen Betrieb zu ermöglichen. Ein bekanntes Beispiel ist der Einsatz solcher Schaltungen in Windkraftanlagen, um Netzstörungen beim Zuschalten der Generatoren zu vermeiden.

Risiken und Herausforderungen

  • Spannungseinbrüche: Ein hoher Anlaufstrom kann zu kurzzeitigen Spannungseinbrüchen im Netz führen, die andere Verbraucher beeinträchtigen. Dies kann insbesondere in sensiblen Bereichen wie der Halbleiterfertigung oder der Medizintechnik zu Störungen oder Ausfällen führen. Um solche Effekte zu vermeiden, müssen Netzbetreiber und Industrieunternehmen die Auswirkungen des Anlaufstroms bei der Planung ihrer Anlagen berücksichtigen.
  • Thermische Überlastung: Der Anlaufstrom kann zu einer starken Erwärmung der Leitungen und Wicklungen führen, was die Isolierung beschädigen und die Lebensdauer der Maschinen verkürzen kann. Daher müssen Kabel und Schutzorgane so dimensioniert werden, dass sie den Anlaufstrom ohne Überhitzung verkraften. In der Praxis wird dies durch die Auswahl geeigneter Kabelquerschnitte und die Verwendung von thermischen Überlastrelais erreicht.
  • Mechanische Belastung: Der hohe Anlaufstrom führt zu einem starken Drehmoment beim Start von Elektromotoren, das mechanische Komponenten wie Wellen, Lager und Getriebe belastet. Dies kann zu vorzeitigem Verschleiß oder sogar zu Schäden an der Maschine führen. Durch den Einsatz von Anlaufverfahren wie dem Sanftanlauf oder Frequenzumrichtern lässt sich die mechanische Belastung reduzieren.
  • Schutzorgane: Schutzorgane wie Sicherungen und Leistungsschalter müssen so ausgelegt sein, dass sie den Anlaufstrom tolerieren, ohne auszulösen. Gleichzeitig müssen sie jedoch in der Lage sein, Kurzschlüsse und Überlastungen zuverlässig zu erkennen und zu unterbrechen. Dies erfordert eine sorgfältige Abstimmung der Schutzorgane auf die spezifischen Anforderungen der Anlage.
  • Netzrückwirkungen: In schwachen Netzen kann der Anlaufstrom zu unerwünschten Rückwirkungen führen, beispielsweise zu Oberschwingungen oder Flicker. Diese Effekte können andere Verbraucher stören und die Qualität der Stromversorgung beeinträchtigen. Daher müssen Industrieunternehmen bei der Planung ihrer Anlagen die Netzrückwirkungen berücksichtigen und gegebenenfalls Maßnahmen zur Kompensation ergreifen.

Ähnliche Begriffe

  • Nennstrom: Der Nennstrom bezeichnet den dauerhaften Strom, für den eine elektrische Maschine oder ein Gerät ausgelegt ist. Im Gegensatz zum Anlaufstrom tritt der Nennstrom im normalen Betrieb auf und ist deutlich niedriger. Die Angabe des Nennstroms ist in den technischen Datenblättern von Maschinen und Geräten zu finden und dient als Grundlage für die Dimensionierung von Kabeln und Schutzorganen.
  • Kurzschlussstrom: Der Kurzschlussstrom ist der Strom, der bei einem Fehler im Stromkreis, beispielsweise einem Isolationsdefekt, fließt. Er kann ein Vielfaches des Nennstroms betragen und führt zu einer starken thermischen und mechanischen Belastung der Anlage. Im Gegensatz zum Anlaufstrom ist der Kurzschlussstrom ein unkontrollierter Stromfluss, der sofort unterbrochen werden muss, um Schäden zu vermeiden.
  • Einschaltstrom: Der Einschaltstrom beschreibt den Stromstoß, der beim Einschalten eines elektrischen Geräts auftritt. Während der Anlaufstrom sich auf den Start von Maschinen bezieht, kann der Einschaltstrom auch bei anderen Verbrauchern wie Glühlampen oder elektronischen Geräten auftreten. Beide Begriffe werden jedoch oft synonym verwendet, insbesondere in der Praxis der Elektrotechnik.
  • Blindstrom: Der Blindstrom ist der Anteil des Stroms, der in Wechselstromkreisen für den Aufbau magnetischer oder elektrischer Felder benötigt wird, aber keine nutzbare Arbeit verrichtet. Im Gegensatz zum Anlaufstrom, der ein transienter Stromstoß ist, tritt der Blindstrom dauerhaft auf und führt zu einer Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung. Blindstrom kann durch Kompensationsanlagen reduziert werden, um die Effizienz der Stromversorgung zu verbessern.

Zusammenfassung

Der Anlaufstrom ist ein zentraler Parameter in der Industrie und Elektrotechnik, der den kurzzeitigen Stromstoß beim Starten elektrischer Maschinen und Geräte beschreibt. Er entsteht durch die physikalischen Eigenschaften induktiver und kapazitiver Lasten und kann ein Vielfaches des Nennstroms betragen. Die Begrenzung des Anlaufstroms ist entscheidend, um Spannungseinbrüche, thermische Überlastungen und mechanische Belastungen zu vermeiden. Durch den Einsatz von Anlaufverfahren wie dem Stern-Dreieck-Anlauf, Sanftanlaufgeräten oder Frequenzumrichtern lässt sich der Anlaufstrom kontrollieren und die Betriebssicherheit der Anlagen gewährleisten. Die Dimensionierung von Schutzorganen und Kabeln muss den Anlaufstrom berücksichtigen, um eine zuverlässige und langlebige Stromversorgung zu gewährleisten.

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